Grenzsteine und Grenzumgang Thema in STERN-Kolumne

An sich lese ich eher selten Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften. Gleichwohl bin ich dem Magazin STERN – dank meines Vaters – schon seit früher Jugend (1960er Jahre) treu verbunden. Es überraschte mich dann aber schon, als meine Frau kam und mir dankenswerterweise mitteilte, dass im neuen Heft (Nr. 41 vom 1.10.2015) etwas von Grenzsteinen stünde.
In der Tat blickt Kolumnistin Meike Winnemuth in ihrem Text („Heimkehr nach Mielenhausen“) auf einen lokalen Grenz(um)gang im Dorf ihres Vaters zurück, den sie mit ihm im September abgegangen war.

Diese Grenzumgänge, die im Süden Deutschlands auch als „Untergang“ bezeichnet werden, und im Norden und Westen auch als „Schnadegang“ oder „Schnatgang“ bekannt sind, waren in früheren Zeit (z. T. bis in die 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts) ein jährlicher Pflichttermin für die Dorfvertreter und auch die Verantwortlichen der Anrainergemeinden. Bei diesen regelmäßigen Kontrollgängen wurde die eigene Gemarkung und die sie kennzeichnenden Bannsteine überprüft. Waren Grenzsteine beschädigt oder abgegangen oder gar versetzt worden? Dieser hochoffizielle administrative Akt wurde protokolliert, z. B. in Logbüchern.

Die Menschen in Mielenhausen (und ihren Nachbargemeinden) haben in Würdigung dieser Tradition diese Grenzgänge wieder aufgenommen und sogar zu einem Grenzbierfest „aufgestockt“, was gewiss der ehemaligen Pflichtaufgabe einen lockeren Anstrich verleiht. Eine wahrlich gute Idee sind die ausgelobten Grenzsteinpatenschaften. Meilenhausen, längst ein Ortsteil von Hannoversch-Münden, mit knapp 500 Einwohnern, hat eine Gemarkungsgrenze mit noch 113 Grenzsteinen. Grenzsteinpaten verpflichten sich für jeweils zehn Jahre, den zu betreuenden Grenzstein zu pflegen, damit er auch in der nächsten Dekade sichtbar bleibt.
Bei den Grenzgängen sind – und dies entspricht auch der Tradition – viele Kinder dabei. Denn angesichts der bescheidenen Lebenserwartung in alten Zeiten war es zwingend notwendig, die Kenntnisse über den Standort der jeweiligen Steine an junge Menschen weiterzugeben. Dies geschah in der Regel mit „harten“ Maßnahmen: Ohrfeigen, Kopfnüssen oder Hiebe auf den Allerwertesten.
Die Rückseite eines Notgeld-Scheines aus Kaiserslautern dokumentiert das anschaulich:
Grenzumgang
Kolumnistin Winnemuth nahm Grenzbierfest und Grenzumgang im Dorfe ihres Vaters zum Anlass, ihre persönliche Beziehung zu Familienbanden und -traditionen in Relation zum eigenen Leben zu hinterfragen. Offenkundig hat sie keine Berührungsängste mit Bräuchen, die andernorts eher scheel betrachtet werden. Sie hat sogar die Patenschaft für einen Grenzstein übernommen. Chapeau!

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