Die Wolfsangel als Grenzzeichen

Bei meinen ersten Grenzsteinwanderungen im Saarland und in der Westpfalz begegneten mir immer wieder Grenzsteine mit einem merkwürdigen Zeichen. Dieses zierte, wie ich dann später feststellen konnte, Steine mit einer Grenze zum Fürstentum Nassau-Saarbrücken oder zum Herzogtum Pfalz-Zweibrücken. Wo beide Territorien aufeinander trafen, z. B. im Raum Tholey, St. Wendel und Ottweiler, tragen Grenzsteine logischerweise beiderseits die Wolfsangel. Ursprünglich folgerte ich daraus, dass dieses Herrschaftszeichen wohl nur im Südwesten Deutschlands anzutreffen sei. Doch weit gefehlt! Ausgerechnet im östlichen Niedersachsen (vor allem im Schaumburger Land) stieß ich bei Wanderungen des Öfteren auf Grenzsteine mit der Wolfsangel.

Spätestens seit dem 14. Jahrhundert verwandten die Braunschweigisch – Lüneburgischen Herzogtümer dieses martialische Symbol als Grenzzeichen. In der Region zwischen Saar und Pfalz taucht die Wolfsangel auf Grenzsteinen erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf. Weshalb aber ersetzte die Wolfsangel die „normalen“ heraldischen Zeichen einer Herrschaft? Angeblich versuchte man schon in grauer Vorzeit mit einem solchen gezackten Schmiedeeisen Wölfe zur Strecke zu bringen. Der obere Zacken wurde in einen Baum geschlagen, auf den unteren Zacken steckte man ein Stück Fleisch, das den Wolf anlockte und in das er sich verbiss. Der Wolf hängte sich förmlich an dem scharfen Zacken auf und verendete.

In seinem Beitrag „Die Wolfsangel – heraldisches Symbol und Grenzzeichen“ (in: „Zur Geschichte des Warndts“, 2002, S. 8-9) hat Günter Formery eine plausible Erklärung für die Nutzung dieses Zeichens parat:
„Wer Grenzmarken nicht beachtete, galt damals wie heute als Frevler. Schon im Mittelalter wurde Gewohnheitsrecht auf den Versammlungen der Dorfbewohner durch die Schöffen unter Mitwirkung der Grundherren festgelegt. Dieses gewiesene Recht (Weistum) sah für Grenzfrevler das Abhacken der Hände und oftmals auch die Todesstrafe vor. Man verfolgte die Frevler, gleich dem Wolf, auf Leben und Tod. Daher war die Wolfsangel als Zeichen für Land- und Forstrechte geradezu prädestiniert.“ Grenzfelsen, Grenzpfähle und Grenzbäume wurden schon im Mittelalter mit der „Wulffs-Angel“ gezeichnet, „bemalet“, in der Neuzeit eben auch Grenzsteine.

Offenbar werden im Deister noch heute Bäume mit der Wolfsangel gekennzeichnet!

 

Nassau-saarbrückische Grenzsteine aus Eschringen (Saarbrücken) von 1768 (links) und Eiweiler (Heusweiler) von 1792 (rechts)

Grenzstein in einem Grenzgraben im Calenberger Land

P. S. Die Wolfsangel steht aufgrund der missbräuchlichen Verwendung durch rechtsextreme Organisationen auf der Liste verbotener Zeichen.
Am Ende des 2. Weltkrieges wurden nassau-saarbrückische Grenzsteine mit den ergänzenden Initialen NS und der Wolfsangel an der französisch-deutschen Grenze (Warndt-Wald im Saarland) von amerikanischen Soldaten als typisch nationalsozialistische Objekte fehlinterpretiert und z. B. von Panzern zerstört.

s. a.:

–> Nassau-saarbrückische Grenzsteine
–> Pfalz-zweibrückische Grenzsteine
–> Grenzsteine südlich von Hannover

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