Grenzsteine in Lyrik, Prosa und Drama

n der sog. „Volksdichtung“ (Sagen, Märchen u. ä.) kommen Grenzsteine immer mal wieder vor, insbesondere hinsichtlich des unrechtmäßigen Grenzsteinverrückens.
In der „klassischen“ bzw. „modernen“ Literatur tauchen Grenzsteine als konkrete Symbole für (private) Rechtsansprüche oder aber territoriale Grenzziehung recht selten auf. Immerhin sind sie bisweilen Gegenstand vornehmlich in Gedichten, gerade in Grenzregionen.
Aus urheberrechtlichen Gründen kann ich bezüglich literarischer Texte nur auf einige hinweisen bzw. kleine Auszüge daraus zitieren.

Aus Gedichten (in hochdeutsch und in Mundart)

Der saarländische Schriftsteller und Filmemacher Alfred Gulden (Jg. 1944) schreibt gerne auch in der Mundart Rodens, einem Stadtteil Saarlouis’, wo er aufwuchs.

In „Grenz-schdään – Grenzsteine“ erinnert Gulden an die an der deutsch-französischen Grenze 1830 gesetzten Sandsteine. Er beschreibt insbesondere die jahreszeitlich bedingten Veränderungen, die diese Grenzsteine erfahren.

Mòòl graad, mòòl kromm          Mal gerade und mal krum
de Schäädel                           Der Scheitel
deijf en de Schdään gezoo, soo  Tief in den Stein gezogen,
lääft de Grenz.                       so läuft die Grenze.

Jean-Louis Kieffer – er schreibt als Lothringer in Moselfränkisch („Francique Mosellan“) – thematisiert aus seiner Sicht gleichfalls die deutsch-französische Grenze.

De Grenz (ein Auszug)

Lo hénnerm Bierenbam do stéit en grousser Stän…

Eich hucken mich of den Stän
Ä Fouss dahäm, déer anner ém frimen Land
Mét em Hénner of déin scheissen Stän.

Aus jüngerer Zeit stammt ein weiterer moselfränkischer Text des saarländischen Literatur- und Kulturwissenschaftlers Patrik H. Feltes. Entnommen ist er seiner Anthologie „Iwwat Jòòa“ aus dem Jahre 2012 (ein herzliches Dankeschön an den Autor für die Erlaubnis zur Veröffentlichung!). Feltes schreibt in der Mundart der Wadgasser Gegend, die direkt an den Sprachraum des Rheinfränkischen angrenzt. Nebenbei betreibt Feltes auch eine der Saarregion und der Mundart gewidmeten Website: www.geheichnis.de

Aan alten Grenzschtään
neilich langs gelaaf,
im freien Feld
im Wald voll Herbscht
Ganz mittendrin
die alten gloowich Schtään
gesinn, de Grenz’
nua wennrich Jòòren
hat frieja die gehall
kää ääna Minsch mä kennt
watt dòmolls Baam vunn Baam getrennt.
unn heit als Iwwarescht
nua uus zwaai Schpròòchen
hallen se noch fescht.

Wohl in den 1930er Jahren schrieb Ewald Reinhard in Saarbrücker Mundart ein Gedicht, das vom Abstimmungskampf geprägt und deutlich revanchistisch orientiert ist:

Die Grenzstään

War das e Lääd, wie Grensstään
Sinn aus der Erd‘ gewachs‘,
Es is em ganz ins Läwe
Das Spitze unn Gehacks.
Mer sinn nimmeh zesamme
Mit unsre Leit im Reich,
Es leit e Grens dezwische,
Ach! Kinner, denke Eich!
Ich hann gefrot de Owerscht:
„Was mache mer dann jetzt?“
„Mir hann,“ saat er, „ne setze misse,
Hann nit ze dief gesetzt!“

Der bekannte, aus Karlsruhe stammende Schriftsteller Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) thematisierte in „Der Rennsteig“ (aus dem Liederzyklus „Frau Aventiure“) die trennenden innerdeutschen Grenzen am Beispiel des „Dreiherrensteins“:

Und da geschah, nach Brauch der Nachbarmärker,
Daß jeder Gast auf eigner Hoheit saß
Und doch der Thüring’ und der Henneberger
Mit dem von Fuld’ aus einer Schüssel aß.

„…Doch merket auch, dass, wie wir drei in Frieden
Am gleichen Stein das gleiche Mahl verzehrt,
Ihr drüben, wie wir hüben, ungeschieden
Dem gleichen Volk als Brüder angehört:
Ein Deutschland nährt den Thüring’, Hessen, Franken,
Und echter Liebe setzt kein Markstein Schranken!“

Auch in der Prosa gibt es Texte, die konkret oder symbolisch Grenzsteine behandeln.
Die lettische Schriftstellerin Anna Sakse veröffentlichte 1947 ihren Roman „Pret Kalnu“, der 1952 in deutscher Übersetzung „Feld ohne Grenzstein“ betitelt wurde.

In Karl Burkerts Erzählsammlung „Am fränkischen Grenzstein“, 1920 erschienen, sucht man vergeblich eine Grenzstein-Geschichte. Allerdings enthält es eine Erzählung („Das Gottesurteil“), in der es um einen Grenzstreit und Grenzfrevel geht.

Der elsässische Schriftsteller André Weckmann erzählte im Epilog seines 1992 erschienen Buches „Die Kultur des Zusammenlebens“ eine kleine Geschichte mit dem Titel „Der Grenzstein“: ein skurriler Dialog zwischen Gott und Sisyphos:

Gott saß auf einem Grenzstein.
– Sie sitzen falsch, sagte ich zu ihm. Sie müssen sich so setzen, dass ihre Beine entweder nach links oder nach rechts zu stehen kommen. Die Mitte gibt es nicht, weder in der Theorie noch in der Praxis.

Dramatische Werke um Grenzsteine gibt es auch. Hugo Greiner verfasste ein historisches Volksschauspiel in drei Akten mit dem Titel „Friede ernährt – Unfriede verzehrt.“ Es erschien verschriftet 1910 in der Reihe „Die Dorfbühne“ (Heft 8.)
Auch hier geht es um einen Grenzstreit und „verrückte Grenzsteine“. Die Handlung spielt in den Jahren 1710 und 1734 in Thüringen, und zwar in der Gegend um Schwarzburg.

Ein Hörspiel für den „Reichssender Saarbrücken“ schrieb Erich Johannes Kiess. Es hieß „Grenzsteine erzählen“, im Untertitel: eine Hörfolge um Schicksalsstunden der Westmark. Es spielt um 1829/30, an der preußisch-französischen Grenze, und auch in späteren Jahren.
Erwartungsgemäß handelt es sich um ein revanchistisches Stück, durch und durch nationalsozialistisch verbrämt! Produziert und gesendet wurde es vermutlich 1935/36, nach dem Anschluss des Saargebietes an das Deutsche Reich.

s. a. Sagen

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