Auszüge aus dem Kapitel:

Kleine Kulturgeschichte der Grenzen und Grenzzeichen

Schon im Alten Testament wurden Grenzsteine erwähnt; u. a. ist im 5. Buch Mose 27, 17 zu lesen: „Verflucht, wer den Grenzstein seines Nachbarn verrückt.“ Seit alters her umgab die allgemein anerkannte Unverletzlichkeit von Grenzen die sie scheidenden Grenzzeichen, vor allem die Grenzsteine, mit der Aura des Mystischen, ja Göttlichen. Wer Grenzen antastete und Grenzzeichen manipulieren wollte, kam im wahrsten Sinne des Wortes „in Teufels Küche“, forderte göttliche Strafen (auch bei Römern und Germanen) heraus.

Weshalb, wie und wann entstanden aber Grenzen überhaupt? Es waren vor allem Vertreter der „Aufklärung“, die sich (im 18. Jahrhundert) Gedanken über die sog. „Urgesellschaft“ und über das Entstehen des Eigentumsanspruchs machten. Ausgehend von der antiken Vorstellung vom „Goldenen Zeitalter“, in der alle Menschen gleich und aller Besitz (z. B. Grund und Boden) Gemeineigentum gewesen sei, vermutete man das persönliche Streben nach Besitz in der Übergangsphase vom Sesshaftwerden der Jäger und Sammler zum Entstehen bäuerlicher Kulturen. Wenn auch regional unterschiedlich, so wuchs doch die Bevölkerung stetig an; es kam offensichtlich zu Konflikten zwischen einzelnen Sippen, die sich nunmehr „auf die Pelle“ rückten. Ergo mussten Lösungen (in Abgrenzungen) für ein (möglichst) einvernehmliches, friedliches An- und Nebeneinanders gefunden werden.

Beweise für die Existenz vorgeschichtlicher Grenzsteine liegen im Dunkeln. Gleichwohl gibt es in Europa an unterschiedlichsten Plätzen markante Steine, denen man eine Grenzzeichenfunktion zueignet. Auch in Deutschland kennt man „lange Steine“ (die wörtliche Übersetzung des keltischen Begriffs „Menhir“), die schon im frühen Mittelalter die Funktion eines Grenzzeichens bzw. Grenzsteines übernahmen (z. B. der „Gollenstein“ bei Blieskastel). In den mesopotamischen Zivilisationen stoßen wir erstmals auf eindeutige Zeugnisse, die zum einen Besitzansprüche auf Grund und Boden, zum anderen Grenzmarkierungen dokumentieren. Griechen und Römer setzten nachweislich Grenzsteine („termini“), um z. B. Landgüter voneinander abzugrenzen. Die Grenzsteinsetzung galt bei den Römern als eine verehrungswürdige Veranstaltung („terminalia“), die mit einem Fest (am 23. Februar) zu Ehren des Gottes Terminus begleitet wurde.

Mit dem Zusammenbruch der römischen Besatzung in Germanien folgten im Rahmen der fränkischen Landnahme zwischen dem 5. und 6. Jahrhundert Perioden, in denen künstlichen Grenzziehungen offensichtlich keine besondere Bedeutung mehr zukam. Bei den Germanen galt Grund und Boden schließlich als Gemeineigentum, die Abgrenzung z. B. zu anderen Siedlungen (Markgenossenschaften) erfolgte wohl in der Regel durch einvernehmliche Festlegung von natürlichen Grenzen. Dies waren allgemeine Landmarken, Bergrücken und Geländeeinschnitte, auffällige, meist alleinstehende Bäume, aber auch Felsen, Waldränder, Hecken, Sümpfe, Quellen, Bach- und Flussläufe – letztere nennt man auch bis heute „nasse Grenzen“. Auch „künstliche“, von Menschenhand „in Vorzeiten“ errichtete Objekte, Menhire, Grabhügel und alte (römische) Gebäude, dienten Grenzpunkte.
Des weiteren wurden eher unscheinbare Bäume, die man als Grenzmarkierungen festgelegt hatte, zur gegenseitigen
Absicherung mit Einschnitten, besonderen Zeichen (z. B. ein Kreuz bzw. ein lateinisches X) versehen. Diese Bäume nannte man auch Mal-, Loch- oder Kreuzbäume. (Loch; mhd. lâche = Einritzung).

Grenze Sachsenspiegel Auszug aus dem „Sachsenspiegel“

Wo geologisch möglich, wurden in Felsen entsprechende Grenzsymbole eingehauen (in erster Linie Kreuze). Die Grenzfestlegung mittels solcher Felsmarken wurde noch bis ins 19. Jahrhundert genutzt (z. B. im Pfälzer Wald entlang der deutsch-französischen Grenze).

Wo die natürlichen Gegebenheiten zur Grenzbestimmung nicht mehr ausreichten, wurden schließlich künstliche Grenzzeichen gesetzt: hölzerne Grenzpfähle, aber auch Grenzhecken. Diese boten aber nur sehr bedingt eine sichere Grenzziehung. Vielleicht erinnerte sich man wieder an den Brauch aus römischer Zeit, große, aber bewegliche Steine zur Markierung von Grenzen zu nutzen, oder man kam selbst auf die Idee, auf dem Boden liegende, große (eben schwer verrückbaren) Steine zwecks Grenzbestimmung zu markieren. Es zeigte sich mit der Zeit, dass massive Steine erhebliche Vorteile gegenüber natürlichen Grenzzeichen hatten. Sie erschwerten es jedenfalls, dass auf ihren Vorteil bedachte Zeitgenossen mutwillig Grenzen „korrigierten“, was z. B. durch das Fällen von Grenzbäumen oder das Versetzen von Grenzpfählen ein Leichtes war.

Bleibt die Frage, welche wohl als die ältesten, vorsätzlich als Grenzzeichen verwendeten Steine zu betrachten sind. Konkrete Jahresangaben sind verständlicherweise nur bedingt zu machen, gleichwohl gibt es hie und da Archivalien aus fränkischer Zeit, die als Grenzzeichen genutzte Steine beschreiben (z. B. für die Mark Heppenheim, die 795 Karl der Große abmarken ließ). Auch im Hochmittelalter hat es schon (grob behauene) Grenzsteine gegeben. Einige Handschriften belegen dies; und der „Sachsenspiegel“ (s. Abb.) erwähnt sie ausdrücklich: „Wer Malbäume oder Marksteine setzt, der soll den, der sein Land gegenüber hat, dabei haben.“
Während zum Ausgang des Mittelalters sich in diversen Regionen Europas Nationalstaaten entwickeln (Frankreich, England …), setzte sich im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation der Verfall der Zentralgewalt in weiter fort. Unzählige Herrschaften entstanden, und sie alle wollten ihre Gebiete – auch wenn sie noch so klein waren – selbstverständlich als ihren Besitz kenntlich machen. Mit der Zeit wurden die Grenzsteine immer aufwendiger und kunstvoller, mit den Wappen bzw. den Symbolen des Grundherren, mit den Kürzeln bzw. Anfangsbuchstaben der Gemeinden und anderen Inschriften versehen.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war eigentlich „Markstein“ der gängige Begriff für Gebiete „scheidende“ Steine. Der Name „Bannstein“ wurde ebenfalls schon gebraucht, war inhaltlich aber eingeschränkt auf die Abgrenzung von Gemeindefluren. Bereits in der Karolingerzeit werden mit „marca“ (aus dem Gotischen) umgrenztes Gebiet bezeichnet. Ab dem 15. Jahrhundert tauchte im Deutschen Reich verstärkt das slawische Lehnwort „graniza“ auf, aus dem sich schließlich „Grenze“ (früher meist „Gräntze“ geschrieben) entwickelte.
Hatten im Mittelalter unbehauene Steine und Steinhaufen, Felsmarken und Lochbäume im Wesentlichen als Grenzzeichen gedient, setzte in der Übergangsphase zur Neuzeit, gekennzeichnet durch die bereits erwähnte territoriale Zersplitterung innerhalb des Deutsch-römischen Reiches und die sich verkomplizierenden Rechtsgrundlagen von Gebiets- und Nutzungsansprüchen, ein wahrer Grenzsteinsetzungsboom ein, der seinen Höhepunkt wohl in der Mitte des 18. Jahrhunderts erreichte. Neben Territorial- und Markungsgrenzsteinen gab es unterschiedlichste Grenzsteine, die z. T. „nur“ ein spezifisches Nutzungsrecht beinhalten: z. B. Forst-, Jagd-, Weide- oder Fischereigrenzsteine.

Nach den Umwälzungen der Französischen Revolution und der napoleonischen Herrschaft hatte die auf dem Wiener Kongress 1815 eingeleitete territoriale Neuordnung die deutsche Kleinstaaterei weitgehendst beendet. Die Bedeutung der Grenzsteinsetzung als feierlicher Akt hatte nachgelassen. Der Bedarf an neuen Grenzsteinen schwand merklich; die Grenzsteinsetzung reduzierte sich zu einer eher formalen behördlichen Angelegenheit. Auch rein äußerlich änderte sich die Gestaltung der Grenzsteine: Es wurde nun weitgehend auf Hoheitssymbole verzichtet; an ihre Stelle traten die Abkürzungen für die jeweiligen Territorialherrschaften (z. B. „KB“ für „Königreich Bayern“). Spätestens seit dem Ende des 2. Weltkrieges haben Grenzsteine als Grenzzeichen ausgedient. Sie spielen oft, wenn überhaupt, nur noch als Messpunkte eine Rolle.

Eine Grenzsteinsetzung war seit alters her ein hochoffizieller Akt. In deutschen Gesetzesaufzeichnungen des Hochmittelalters wie z. B. dem „Sachsenspiegel“ wird dies zwar nur knapp behandelt, das Setzen von Malbäumen oder -steinen aber sehr wohl festgeschrieben. Die berühmt-berüchtigte „Carolina“, die unter der Karl V. (1532) entstand, führt das Delikt der Grenzverrückung ausführlich auf und droht mit drastischen Strafen (z. B. Abhacken der Frevlerhand).
Detailliertere Angaben zu Grenzumgang und Grenzsteinsetzung tauchten in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts – also nach dem verheerenden 30jährigen Krieg – auf. In diese Zeit fällt auch die Einführung von ersten Grundbüchern. Das landläufige Chaos, das die Kriege im 17. Jahrhundert über Mitteleuropa

Grenzsteinsetzung J. Beck

gebracht hatten, erforderte eine umfassende Bestandsaufnahme der Besitzverhältnisse von Grund und Boden. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts wurden, auch Dank verbesserter technischer Methoden, allerorten Landvermessungen vorgenommen. Es erfolgte eine Neuzuteilung der Felder und Weiden, die Lehensverhältnisse wurden ebenfalls neugeordnet.

Allen Aktionen wohnten selbstverständlich Vertreter sämtlicher Parteien bei: Auf der einen Seite die von der Gemeinde gewählten und vereidigten (sieben) Feldgeschworenen (auch „Siebener“ genannt), auf der anderen Seite Repräsentanten der/des Grundherren. Ihnen zur Seite standen als Fachleute ein Landvermesser (auch „Geometer“ oder „Feldmesser“ genannt) und bisweilen auch der Förster. Des weiteren wurden Kinder, meist Knaben, hinzugezogen, die sich die exakten Standorte der Grenzzeichen einprägen mussten.
Die exakte Standortbestimmung für einen neuzusetzenden oder zu ersetzenden Grenzstein oblag natürlich dem Geometer, der mit allerlei Gerät die Grenzlinie vermessen und die Abstände zwischen den einzelnen Grenzsteinen festlegen musste. Die eigentliche Setzarbeit „vor Ort“ übernahmen dann die Feldgeschworenen: sieben, um eine Pattsituation im Streitfall auszuschließen. Ein Grenzumgang (auch „Unter-“ oder „Schnatgang“ genannt) wurde in regelmäßigen Abständen durchgeführt, um eventuelle Grenzfrevel oder (natürliche) Schäden an Grenzzeichen erkennen zu können. Diese Umgänge fanden im Frühjahr und im Spätherbst statt, wenn die saisonalbedingte spärliche Vegetation das Aufsuchen von Grenzsteinen eben erleichterte. Die Kosten für die Neusetzung eines nicht vorsätzlich beschädigten oder sonst wie verschwundenen Steines übernahmen hälftig die Herrschaft und die Gemeinde.

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